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16.02.2004, 14:03 - Sozialpraktikum

Schüler
Resumé und Jahresjubiläum

Jetzt ist es nun schon ein ganzes Jahr her, als sich am 16.Februar 2003 drei Hamburger Jungs aufmachten, ins Deggenhausertal, um auf dem großen Lehenhof ihr 3-wöchiges Sozialpraktikum zu absolvieren.

Zunächst, das muss ich ja ganz ehrlich sagen, fuhren wir mit einem sehr mulmigen Gefühl dort hin, denn wir drei, Bende, Falle und Atze, hatten bis dato wenig Kontakt zu Betreuten oder behinderten Menschen gehabt. Insofern war es für uns etwas ganz Neues und Aufregendes, dorthin zu fahren. Das Wochenende des 14.-16.02.03 feierten wir noch im nahe gelegenen Allgäu in meinem Ferienhaus. Wir feierten, dass wir drei lange Wochen keine Schule hätten, aber wir hatten eben auch echte Berührungsängste gegenüber den Betreuten auf dem Lehenhof, denn wir konnten uns keinen Reim darauf machen, was dort auf uns zukommen würde...

Was tun, wenn einer einen Anfall bekommt, wenn wir mit ihm alleine sind? Wie sollen wir mit denen reden, essen, arbeiten usw... Tun die uns was? Kann man mit denen sprechen? Fragen über Fragen! Als wir dann auf dem Lehenhof ankamen - mein Vater brachte uns dorthin - waren wir zunächst sehr ruhig, verhielten uns ganz schüchtern und waren sehr gespannt, was da wohl auf uns zukäme.

Ich kann mich erinnern, dass ich letztlich nicht mehr weg wollte vom Lehenhof und von meinem Haus, in dem ich gearbeitet und gewohnt hatte; dem HAUS SONNENBLUME. Auch hatte ich mich, so scheint es mir, so in das „Dorfleben” auf dieser großen Dorfgemeinschaft eingelebt, dass es innerhalb dieser kurzen Zeit für mich schnell unentbehrlich wurde. Egal, wo ich hinging, ob in die Werkstätten, um einige „Dörfler” (so werden auf dem Lehenhof die Betreuten genannt) zu ihrer Arbeit zu bringen, oder nur auf dem Weg zur Käserei; überall begegneten mir freundliche Menschen. Ohne dass ich an dieser Stelle übertreibe, muss ich sagen, dass ich mich dort manchmal mehr „zu Hause” gefühlt habe als irgendwo anders.

Das Arbeiten im HAUS SONNENBLUME, dass sich am Vormittag als Hausarbeit darstellte, war ein absolut lehrreicher, überhaupt nicht ermüdender und erfahrungsbringender Teil dieses vielseitigen Praktikums. Ich lernte - zusammen mit Dörflern - für eine Gruppe von 20 hungrigen Dörflern zu kochen, einzukaufen, zu planen und dabei auch immer ein Auge auf diejenigen zu haben, die bei ihrer Hilfe im Haus ab und zu Hilfe benötigen und natürlich auch Zuwendung und Aufmerksamkeit brauchen.

Meine Dienstzeiten wurden von mir selbst stets missachtet, zum Groll meiner zwei Kollegen: Ich hatte offiziell bis 18 Uhr Dienst, aber vor 20 Uhr war der Tag in meinem Haus nicht zu Ende. Ich unterhielt mich gerne mit den Dörflern. Ich versuchte mich gerne an einer „Fünfseiten-Gitarre”, um damit für Stimmung zu sorgen; wir waren wie eine große Familie. Das hat mir immer sehr gut gefallen, vor allem dann, wenn ich möglichst viele Dörfler dazu bringen konnte, mitzumachen.

Das Programm, das den Dorfbewohnern (Dörflern und Betreuern) auf dem Lehenhof geboten wird, ist so schön und gemeinschaftlich, dass einem auf dem Lehenhof niemals langweilig wird. Meine Erfahrungen beschränkten sich bei weitem nicht nur auf die Arbeit im Haus; ich habe auch das vormittägliche Treiben in der Holzwerkstatt mitbekommen. Dort wurde ebenfalls gitarrespielend und singend, musiziert. Zum Einarbeiten, so zu sagen. Dort klang es allerdings, muss ich leider zugeben, ein wenig gekonnter und vor allem vollkommener. Vielleicht aufgrund der vollständig vorhandenen sechs Saiten.

Nachmittags arbeitete ich dann in der Verpackungsfabrik bei Egon Metzler und seiner Verpackungstruppe. Das war manchmal etwas chaotisch, weil die Maschinen nicht so wollten, wie wir, aber in Wirklichkeit geht es doch nicht immer nur ums Arbeiten, oder? Die Dörfler sollen doch auch Spaß haben. Dort lernte ich nette Zivis kennen und neue, nette und lustige Dörfler, die z.T. woanders wohnten, also nicht auf dem Lehenhof, oder sie wohnten zwar auf dem Lehenhof, aber man sah sie dort nie (da der Lehenhof sehr umfangreich und groß ist).

Egal, wo ich etwas tat und egal, was ich tat; ich machte stets interessante Erfahrungen, wenn auch manchmal mit Angst und Anspannung verbunden. Hinterher konnte ich immer darüber lachen. Ich hatte das unglaubliche Glück, an Fasching auf dem Lehenhof zu sein; so viele verkleidete und quietschvergnügte Menschen hatte ich noch nie auf einem Haufen versammelt gesehen, außer bei KÖLLE ALAAF vielleicht. Hier in Hamburg ist's nicht so bunt und „jeck” wie im Süden! Und schon gar nicht wie auf dem Lehenhof.

Viele Praktikanten, oder besser gesagt welche, die es mal waren, kommen immer gerne zum Lehenhof zurück, um dort, in den Ferien z.B. zu arbeiten, zu wohnen und dafür „Kost und Logis” frei zu bekommen. Ein netter Deal. Vor allem bekommen die Praktikanten viel mehr als nur das leckere Essen und ein gutes Zimmer; sie dürfen nämlich teilhaben an einer wunderbaren Gemeinschaft fernab von der von Fernsehen, Presse und Handy gehetzten und einengenden Diktatur unserer Großstadtgesellschaft. Man kann wirklich meinen, auf dem Lehenhof sei man vor all diesen Sachen sicher. Hier scheinen keine Lügen, keine Missgunst und Intrigen zu existieren.

Meine Zeit am Lehenhof war die mit Abstand erfahrungsreichste, vielseitigste und wundersamste Zeit in meinem bisherigen Leben. Der Lehenhof und alle die Menschen, mit denen ich dort zusammenlebte und -arbeitete, haben einen ganz großen Dank verdient!

Ich möchte abschließend allen Interessenten dringend ans Herz legen:
„Leute, scheißt auf den Wehrdienst, scheißt auf das ganze Rumgehetze! Geht euren Zivi machen, in einer CAMPHILL-Einrichtung, wie es der Lehenhof ist! Ihr werdet in der Zeit soviel fürs Leben lernen, wie ihr in 20 Jahren BUND nicht lernt! Lasst euch diese Erfahrung - auch wenn ihr eure Hilfe dort nur für eine kurze Zeit anbietet - nicht entgehen!” Das sage ich mit vollem Ernst und mit voller Überzeugung.

Atze, einer meiner beiden oben genannten Kollegen, macht gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr auf dem Lehenhof. Ich habe ihn bereits besucht, ich will dies Anfang März wiederholen. Als ich dort war und meine ganzen Freunde besuchte, konnte ich mich bereits nach einer Stunde fast nicht mehr von ihnen trennen. Ich setzte mich gleich zu den anderen an den Tisch und begann Brote zu schmieren...

Soviel zu meinem Praktikum.

Liebe Grüße, Falle



P.S.:
Fünf Schüler aus der Stufe unter mir sind am Freitag (13.02.) vom Lehenhof zurückgekehrt! Mal sehen, was sie so zu berichten haben...


von Falco Garbisch


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